Gut geflüstert, Löwe!
01. Jun 2026
Nachstehender Text von Peter Bürger wurde für das FriedensForum verfasst und erscheint in der Ausgabe 4/2026 zum 1. Juli 2026 - https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/startseite
Ein Wutanfall des US-Präsidenten und selbsternannten Heilands Donald Trump kommt der katholischen Friedensbotschaft zugute.
Seit dem 8. Mai 2025 ist Robert Francis Prevost aus den USA Bischof von Rom. Sein lateinischer Papstname Leo bedeutet übersetzt: Löwe. Durch Löwengebrüll ist Leo jedoch bislang noch nicht aufgefallen. Vorgänger Franziskus aus Argentinien konnte bei wichtigen Themen sehr laut poltern: gegen eine „Wirtschaft, die tötet“, über die Gleichgültigkeit angesichts des massenhaften Ertrinkens von Migrant*innen im Mittelmeer oder wider das militärische Massenmorden, die Kriegsprofite und den Besitz von Atomwaffen. (Zur Hinterlassenschaft gehört eine Autobiographie mit dem Titel „Hoffe“, die so pazifistisch ist, dass sogar Eugen Drewermann sie dem Publikum warmherzig empfiehlt.) – Gewiss, auch der Papst aus den Vereinigten Staaten hat ‚Frieden‘ schon bei seinem ersten Gruß an die Menge auf dem Petersplatz als Grundthema seines Pontifikates eingeführt und lässt keinen Zweifel an seiner parteilichen Option für die Armen dieser Welt, einschließlich der von staatlichen Waffenträgern gejagten Latino-Einwander*innen in seinem Heimatland. Doch alles kam bis vor kurzem ziemlich diplomatisch und leise daher, ohne nennenswertes Echo in den Medien. Es dominierten Bilder der klerikalen Kleidermode, die im Vatikan zur Freude der US-Rechtskatholiken wieder zurückgekehrt ist … ‚Leo der Nchtssagende‘ – vielleicht sogar gewählt mit Hilfe von US-Strategen, denen ein stiller Pontifex sehr gelegen käme?
Zum Osterfest dieses Jahres schickte Leo XIV. folgende Botschaft um den Erdkreis: „Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder. Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden. Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog. Nicht mit dem Willen, den anderen zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen.“ Am 11. April fand er dann deutliche Worte gegen „Allmachtsfantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden“: „Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden!“
US-Präsident Donald Trump fühlte sich höchstpersönlich gemeint, was mit Blick auf den US-amerikanisch–israelischen Angriffskrieg gegen den Iran und eine Auslöschungs-Drohung aus dem Weißen Haus auch nahelag. In einer regelrechten Wut-Message kritisierte er den Papst als „außenpolitisch fürchterlich“, Ausfall bei der Kriminalitätsbekämpfung, Dulder einer Atombewaffnung des Irans und ignoranten Widersacher des US-Angriffs auf Venezuela. Leo betätige sich unstatthaft als Politiker und stehe, im Gegensatz zu einem seiner beiden Brüder (Trump-Anhänger), sehr weit links. Trump erinnerte an das letzte Konklave, dessen Wahlentscheidung für Prevost nicht wenige Kommentatoren als Gegenstrategie zur politischen Wende in den USA interpretiert haben: „Wenn ich nicht im Weißen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vatikan!“
Denkbar souverän antwortete der Papst alsbald bei einem Flugzeug-Pressegespräch auf die Ausfälle: „Was ich sage, ist keineswegs als Angriff auf irgendjemanden gemeint. Ich lade alle Menschen dazu ein, Brücken für Frieden und Versöhnung zu bauen und nach Wegen zu suchen, Krieg zu vermeiden. Ich habe weder Angst vor der Trump-Regierung, noch davor, die Botschaft des Evangeliums laut zu verkünden.“ (Man erinnere sich: Im Januar 2026 hat Trump in Davos anderthalb Stunden dummes Zeug und gefährlichen Unsinn geredet, wofür er von einem Großteil der anwesenden Mächtigen aus aller Welt stehende Ovationen bekam.)
Ermutigung für die katholische Friedensbewegung
Der römische Frühling wirkt antidepressiv im Erdenrund, besonders natürlich auch für die internationale katholische Friedensbewegung. Beim Friedenstreffen in Bamenda/Kamerún hat Leo XIV. am 16. April die Teilnehmenden als Vorbilder für die ganze Welt begrüßt: „Jesus sagte uns: Selig sind die Friedensstifter! Wehe jedoch denen, die die Religionen und selbst den Namen Gottes für ihre militärischen, wirtschaftlichen oder politischen Zwecke verbiegen und damit das Heilige in Schmutz und Finsternis ziehen. […] Die Kriegsherren tun so, als ob sie nicht wüssten, dass ein Augenblick genügt, um zu zerstören, dass aber oft ein ganzes Leben nicht ausreicht, um wiederaufzubauen. Sie tun so, als sähen sie nicht, dass Milliarden von Dollars verbraucht werden, um zu töten und zu verwüsten, dass man jedoch nicht die Mittel findet, um zu heilen, zu erziehen und wiederaufzurichten. Wer euer Land seiner Ressourcen beraubt, investiert in der Regel einen Großteil der Gewinne in Waffen, in eine Spirale der Destabilisierung und endlosen Sterbens. Es ist eine verkehrte Welt …“. Diese Kritik erinnert aufmerksame Hörerinnen z. T. an Kardinal Domenico Battaglia von Neapel, der jüngst in seinem Appell „An die Händler des Todes“ (14.3.2026) auf unvergleichliche Weise die parasitären Wirtschaftskomplexe der Rüstungsindustrie angeprangert hat.
Die Sehnsucht nach einem Signal gegen die lange Kette der wahnhaften Vermeldungen aus Washington ist groß. Trumps Schmähungen bescheren dem Papst viele Sympathien und überall auf der Welt eine neue Anhängerschaft. Der fein gewandete Löwe Leo brüllt nicht, wird aber auch mit leisem Ton deutlich. Ob die lange Zurückhaltung im ersten Papstjahr, die sich jetzt so günstig auswirkt, vielleicht auf eine gut durchdachte Entscheidung zurückgeht?
Trump als „Heiland“
Der faschistoide Christenkomplex in den USA, förmlich versessen auf das ‚Ende aller Tage‘, sowie die nationalreligiösen Rechtsextremisten in Israel zeichnen sich gleichermaßen durch das aus, was Erich Fromm „Nekrophilie“ (Liebe zum Toten und zum Handwerk des Totmachens) genannt hat. In der Knesset stoßen die Fanatiker mit Champagner auf den „Galgen“ der illegalen Militärgerichtsbarkeit für Palästinenser*innen an, während in den USA ihre Gesinnungsfreunde (1) die Hinrichtungszahl nach oben treiben – unter Empfehlung von Erschießen oder Ersticken. Die US-Rechtskatholiken, Teil der MAGA-Gläubigen, sitzen mit Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio in der Regierung. Sie können dem Papst wie seinem Vorgänger nie verzeihen, dass eine theologische Rechtfertigung der Todesstrafe heute definitiv als Irrlehre gilt, und meinen außerdem – in Anschluss an die Sklavenhalter-Philosophie des Aristoteles, man müsse dem „blutsmäßig Nahestehenden“ eher beistehen als den fernstehenden Mitmenschen. (Beim zweiten Punkt bekam Vance postwendend eine Abfuhr von Leo XIV.: Jesu Botschaft der Nächstenliebe dulde keine Grenzmauern und kenne kein ‚Ranking‘.) US-„Kriegsminister“ Pete Hegseth – ein bekennender „Christian Warrior“ – sorgt dafür, dass der evangelikale Endzeitwahn sich auch direkt am Hebel der militärischen Totmachapparate des US-Imperiums auswirken kann. (Gegen seine geradezu blutrünstige Kriegstheologie war wohl das Papstdiktum vom Palmsonntag 2026 gerichtet: „Gott erhört keine Gebete von Menschen, an deren Händen Blut klebt!“)
Donald Trump selbst kennt – neben dem Geld – augenscheinlich keinen anderen Gott als sich selbst. Er ist nur dann an „Religion“ brennend interessiert, wenn sich mit dem Massenvertrieb von überteuerten Gold-Bibeln ein wirklich guter Deal machen lässt. Seine Machtübernahme zum Schutz der Milliardäre wäre ohne die bigotten Fundamentalisten nie möglich gewesen. Doch am 13. April hat der Präsident den Bogen überspannt, als er sich in einem extrem kitschigen KI-Bild via Posting selbst als Heilands-Gestalt präsentierte. (Bislang wurde kaum bemerkt, dass über dem blondhaarigen Erlöser die todbringenden apokalyptischen Ritter der Endzeit den Himmel durchschreiten, KI-generiert.) Das Heiligenbildchen hat den evangelikalen Influencern und auch Robert Barron, dem römisch-katholischen Hofbischof im interkonfessionellen „Kleriker-Beirat“ des Weißen Hauses, nicht gefallen. Für US-Katholiken/innen wird der Trumpismus zunehmend zur Unmöglichkeit.
Solche Folgen der Papstschelte und der närrischen KI-Ikone des US-Präsidenten können uns nur gefallen. Doch die Zeit der großen Sorge bleibt. Es befehligt ja erwiesenermaßen ein Unzurechnungsfähiger das modernste Atomwaffenarsenal und die ultimative Militär-Supermacht auf der Welt, in welcher ‚Geist‘ und ‚Macht‘ weithin getrennte Wege gehen. Das Erbarmen eines oder einer Größeren wäre so nötig wie nie.
Anmerkung
1 Bei allen Akteuren mit typisch patriarchalen Zerstörungstendenzen hat der Autor bewusst nicht gegendert.
Peter Bürger Jg. 1961, Theologe & Publizist (Düsseldorf); Mitgliedschaften: pax christi, DFG-VK, Versöhnungsbund. Seine drei Kriegsfilmstudien „Napalm am Morgen“ (2004), „Kino der Angst“ (2005/2007) und „Bildermaschine für den Krieg“ (2007) sind im PDF-Format frei abrufbar: www.friedensbilder.de.
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